Seit Jahren zu Hause in der deutschen Berufswelt: Ümit Dursum (l.) und Raher Abdelrahman (r.) in den Neunzigerjahren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, arbeiten bei dem Callcenter Dienstleister Kikxxl in Osnabrück. Ihr Chef Andreas Kremer (M.) ist stolz auf den Mix der Kulturen in seinem Unternehmen.

“Sprache, Sprache, Sprache!”

Unternehmen in der Region wollen Flüchtlinge für die Arbeit in ihren Betrieben fit machen.

OSNABRÜCK. Mehr als 100.000 Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Niedersachsen. Unternehmen im Raum Osnabrück-Emsland wollen etwas für die Ankommenden tun – und von ihnen profitieren. Firmen wie KiKxxl, Intan und Hellmann hoffen auf Nachwuchskräfte für die Zukunft. Doch Integration ist ein mühsames Geschäft.

Wenn Raher Abdelrahman eine Treppe im Bürogebäude des Osnabrücker Callcenter-Dienstleisers KiKxxl hinuntergeht, stützt er sich mit beiden Händen auf den Handläufen ab. Raher war neun, als eine Mine unter ihm explodierte, damals in seinem Heimatort Malta im Nordirak. Außer beim Treppengehen ist ihm die Beinprothese kaum anzumerken. Der junge Kurde wurde 1995 zur medizinischen Versorgung nach Deutschland gebracht. Seine Familie erhielt Asyl, Raher ging zur Schule und absolvierte eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Seit vier Jahren arbeitet er nun bei KiKxxl. „Dass dieses Unternehmen so stark auf Migranten setzt, finde ich genial“, sagt er. KiKxxl-Chef Andreas Kremer hat gute Erfahrungen mit Flüchtlingen und Zuwanderern aus aller Welt gemacht. Viele seiner 1700 Mitarbeiter haben Migrationshintergrund. An den KiKxxl-Standorten Osnabrück, Bremen, Dortmund und Bochum arbeiten Menschen aus 30 Nationen. „Wir haben Migranten auf allen Hierarchie-Ebenen. Das gehört zu unserer Unternehmenskultur“, sagt Kremer, der das Unternehmen gemeinsam mit Erden Yildirim führt. Der Mitgesellschafter hat türkische Wurzeln. Den Konflikt über den Umgang mit der Fluchtbewegung, der Deutschland und die EU zu spalten scheint, beurteilt der Unternehmer pragmatisch: „Natürlich ist es eine riesige Herausforderung, aber zunächst geht es vor allem um Finanzierung. Alles andere, sagt Kremer, könne die Gesellschaft bewältigen.

„Den Unterschieden in Kultur und Religion kann man sich doch  stellen.“ Angesichts der niedrigen Geburtenrate der angestammten Bevölkerung und eines bereits viele Branchen schmerzenden Arbeitskräftemangels betrachtet der 46-Jährige die Massenankunft Zufluchtsuchender als Riesenchance für die Wirtschaft der Region. „In zehn bis 15 Jahren können diese Menschen für uns ein Segen sein.“ Sein Optimismus eint Kremer mit dem niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius, der Mitte Februar in Osnabrück Unternehmen dazu aufrief, sich für Integration einzusetzen: „Gerade Sie, die in der Wirtschaft Tätigen, haben enorme Möglichkeiten, als Multiplikatoren für dieses Thema zu werben“, sagte Pistorius. Zuwanderung liege unter demografischen Gesichtspunkten im Interesse der Wirtschaft. Und Unternehmen seien in einer hervorragenden Position, um der Verunsicherung der Bevölkerung durch Falschmeldungen über Flüchtlinge und der teils verrohten Diskussion in sozialen Netzwerken entgegenzuwirken, sagte der frühere Osnabrücker Oberbürgermeister. Der Wunsch, mit KiKxxl selbst etwas für die Integration Ankommender zu tun, war bei Kremer schon lange gereift. Die Idee zum „Kernteam Flüchtlingsinitiative“ entstand bei einer Begegnung mit dem Schauspieler Til Schweiger, der in Osnabrück eine große Flüchtlingsunterkunft der Diakonie unterstützt. Mit dem eigens für die Initiative gegründeten Arbeitskreis wollen KiKxxl, das Logistikunternehmen Hellmann, der Mediendienstleister Intan, die regionale IHK sowie in Osnabrück die Wirtschaftsförderung, das Jobcenter, die Agentur für Arbeit, die Stadt und die Diakonie Flüchtlingen Sprachkurse und Praktika in Betrieben ermöglichen.

Das soll rasch geschehen – auch schon vor der Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge über die Asylbewilligung oder -ablehnung. Denn die Behörde ist so überlastet, dass Flüchtlinge in Erstaufnahmestellen wie in BramscheHesepe bei Osnabrück bis zu sechs Monate warten müssen, bevor sie ihre Asylanträge überhaupt stellen dürfen. Dann erst beginnt die oft mehrere Monate dauernde Bearbeitung ihres Falls. Allzu konkret sind die Vorstellungen der Unternehmen noch nicht. Vor allem beim Deutschlernen wollen sie helfen, etwa durch das Bereitstellen von Unterrichtsräumen. „Sprache, Sprache, Sprache – dann sind die Flüchtlinge je nach ihrer in der Heimat erworbenen Qualifikation in verschiedenen Bereichen einsetzbar“, sagt Maggy Raker, die für Intan in dem Arbeitskreis mitwirkt. Mit ausreichenden Deutschkenntnissen könnten die Ankommenden in der IT, der Verwaltung oder im Kundendienst arbeiten. „Eine gewisse Sprachkompetenz in Deutsch und Englisch“ erwartet auch Hellmann-Personalchef Claudio Gerring von Job-Kandidaten aus den Reihen der Flüchtlinge. Hellmann wolle ihnen aus gesellschaftspolitischem Verantwortungsbewusstsein eine Perspektive bieten. Allerdings nicht ganz ohne Eigennutz – weil nämlich „die Flüchtlinge von heute die Fachkräfte von morgen sein können“, so Gerring. Einsatzmöglichkeiten sieht Hellmann beispielsweise im Frachtumschlag in Lagern, im Fuhrpark, im Werkschutz, im Vertrieb und im Personalwesen. Dort könnten Zuwanderer ihre interkulturelle Erfahrung einbringen. Die Logistikbranche klagt seit Jahren über Fahrermangel, Lagerfachleute sind ebenfalls knapp. Auch für Callcenterbetreiber wird der Personalmarkt enger. KiKxxl-Chef Kremer hofft deshalb, auch mithilfe von Zuwanderern die nötige Personalstärke seines Unternehmens halten zu können. Sonst, sagt er, müssten deutsche Callenter irgendwann in Länder abwandern, in denen sie noch genügend Bewerber fänden. Fast 40 Prozent der der IHK-Unternehmen in der Region sehen im Fachkräftemangel das größte Geschäftsrisiko. Eine Umfrage der Kammer Ende 2015 ergab: Im Emsland, im Raum Osnabrück und in der Grafschaft Bentheim sind 45 Prozent der Firmen bereit, jugendliche Flüchtlinge auszubilden. Die Hälfte möchte Praktika anbieten. Und ein Viertel würde qualifizierte Flüchtlinge als Fachkräfte einstellen. Werden also Flüchtlinge den Wirtschaftsraum Osnabrück/Emsland vor den Folgen der demografischen Alterung Deutschlands bewahren – vor einem Abwärtstrend, dem zuallererst kleine und mittlere Unternehmen zum Opfer fallen könnten? Von Euphorie keine Spur: Die IHK hat zwar in einem Acht-Punkte-Aktionsprogramm niedergelegt, wie sie die Integration von Flüchtlingen in die Wirtschaftswelt unterstützen will. Doch ihr Präsident Martin Schlichter erhofft sich von den Ankommenden allenfalls auf lange Sicht Entlastung: „Der viel beschriebene syrische Arzt ist eher die Ausnahme“, sagt Schlichter. Das Ausbildungsniveau der meisten Flüchtlinge sei nicht besonders hoch. „Für mich sind diese Menschen deshalb auch weniger die Fachkräfte von morgen als vielmehr die Fachkräfte von übermorgen.“

Auch die sechs niedersächsischen Handwerkskammern treibt das Thema um. Sie haben sich in Zusammenarbeit mit dem Land, der Bundesagentur für Arbeit und den Landkreisen beim „Integrationsprojekt Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber“ (IHAFA) vorgenommen, 555 Flüchtlinge auszubilden oder als Fachkraft einzustellen. Ein sehr ambitioniertes Vorhaben, wie Sven Ruschhaupt inzwischen weiß. Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim fasst zusammen: „Es ist ein zähes Unterfangen. Vielleicht haben wir das Angebot zu früh gemacht.“ Im Rahmen des Ende 2015 gestarteten Projekts sollen Asylsuchende und Flüchtlinge für Handwerksausbildungen im Ausbildungsjahr 2016/17 fit gemacht werden. Etwa 30 Flüchtlinge aus dem Emsland und 45 aus der Stadt und dem Landkreis Osnabrück sollten bis zum 1. August als Azubis bereitstehen. „Für den Bereich Osnabrück haben wir bislang nur 14 Bewerber“, sagt Ruschhaupt. Denn die auch von der Politik propagierte Herausforderung, Flüchtlinge zu integrieren und schnell in Ausbildung und Arbeit zu bringen, scheitere in der Praxis häufig bereits an fehlenden Deutschkenntnissen oder an mangelnder beruflicher Kompetenz. „Und ohne Vorkenntnisse sind unsere Qualitätsansprüche nicht zu halten.“ Im Vergleich zu Deutschen oder Menschen mit Migrationshintergrund, die schon länger in der Bundesrepublik lebten, „müssen die Flüchtlinge in vielen Bereichen sehr viel lernen, um hier überhaupt Fuß fassen zu können“, so die nüchterne Erkenntnis des Hauptgeschäftsführers. „Integration ist keine Frage von  Monaten, sondern von Jahren.“ Auch sei dieser Personenkreis nur „ein kleiner Puzzlebestandteil“, um den Facharbeitermangel zu beheben. Ihn als die Lösung für alle demografischen Probleme des Arbeitsmarkts zu sehen sei illusorisch. Es brauche „Zeit, Geduld und Geld“, um dieses Potenzial zu erschließen.

Zeit, die Raher Abdelrahman genutzt hat, seit er vor 20 Jahren als Kriegsflüchtling nach Deutschland kam. Und die er weiterhin nutzt, um sich weiterzuentwickeln: Neben seinem Job bei KiKxxl, wo er Breitband-Datenvolumen der Deutschen Telekom vermarktet, macht er eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Wenn der 29-Jährige Bilder von Flüchtlingen sieht, die erschöpft auf deutschen Bahnhöfen eintreffen, erinnert er sich an die schlimmen Tage seiner eigenen Flucht. Eines aber sei heute anders: „Es kommen viel mehr.“ Abdelrahman bezweifelt, dass die Bundesregierung die Flüchtlingszuwanderung im Griff hat. Aber auch die Ankommenden seien in der Pflicht: „Ich rate jedem, schnell die Sprache zu lernen.“ Gute Sprachkenntnisse, sagt Abdelrahman, seien unerlässlich für eine Zukunft in Deutschland. Bei KiKxxl findet Integration teils auch in umgekehrter Richtung statt: „In unserem Team sprechen sich die Jungs mit ‚Bruder’ an“, sagt Abdelrahmans Kollege Ümit Dursum. „Auch Deutsche“. Bei Betriebssommerfesten glüht neben dem regulären Grill stets auch ein Grill, auf dem „Halal“-Fleisch brutzelt, vorbereitet nach islamischen Regeln. Das Zusammenleben bei KiKxxl sei ungetrübt von der zunehmend kontroversen Flüchtlingsdebatte in Deutschland, sagt Ümit Dursum, der mit sieben Jahren als Flüchtling aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland kam. Doch er war schockiert, als er von den Silvester Übergriffen durch Migranten auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof erfuhr. „Wer hierher kommt, muss sich benehmen und sich anpassen, das ist völlig klar“, sagt der 28-Jährige. Dursum und Abdelrahman fürchten, als junge Männer mit Migrationshintergrund mit den Tätern von Köln gleichgesetzt zu werden. Und sie glauben, dass der Anstieg der Flüchtlingszahlen und die Debatte darüber die Stimmung im Land verändert haben. Wer jetzt komme, werde es schwerer haben, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen.

Steigen die Chancen der Neuen, wenn sie möglichst rasch in Lohn und Brot kommen? Nein, sagt der Migrationsforscher Jochen Oltmer: „Die These ‚Berufstätigkeit ist der kürzeste Weg zur Integration‘ ist nicht haltbar.“ Denn Sprache am Arbeitsplatz sei oft sehr spezifisch, erläutert der Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück „Dann hilft sie außerhalb der Arbeit nur wenig.“ Oltmer verweist auf Arbeitsmigranten aus Südeuropa, die, angeworben vom Autohersteller Karmann, in den Sechzigerjahren nach Osnabrück kamen. Eine Integration habe in vielen Fällen erst in der Generation ihrer Kinder stattgefunden. Auch die Ankommenden aus Syrien, dem Irak oder Südosteuropa haben nicht selten anderes im Sinn, als mühsam Deutsch zu pauken oder eine Ausbildung zu machen. Sie wollen rasch Geld verdienen. Dabei seien ihre finanziellen Vorstellungen manchmal falsch oder überzogen, sagt Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Sven Ruschhaupt. „Ausbildungsvergütungen reichen nun einmal nicht aus, um Familien in der Heimat zu unterstützen.“ Komme es doch zu einer Ausbildung, sei die oft beobachtete Präferenz für Bauberufe verständlich: „Hier werden die höchsten Ausbildungsvergütungen bezahlt, die zum Teil über 1000 Euro monatlich betragen können“, so Ruschhaupt. Migrationsforscher Oltmer sieht dennoch Chancen dafür, dass viele Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in der Wirtschaft ankommen – vorausgesetzt, Deutschland lerne aus Fehlern: „In der Bundesrepublik fehlte lange die Einsicht, dass man junge Zuwanderer so schnell wie möglich in Schule und Ausbildung bringen muss.“ Er rät dazu, zu erfassen, welche Schulbildung und Ausbildungsbestandteile Flüchtlinge mitbringen. „Wir haben viel zu wenige Daten über die Qualifikationen, Interessen und Ziele der Menschen. Wir müssen ganz dringend eine vernünftige Planungsgrundlage schaffen“, fordert Oltmer. Liege diese vor, müssten allgemeine Sprachkurse früh mit ausbildungs- und berufsspezifischen Sprachtrainings sowie mit Betriebspraktika kombiniert werden. Praktika eigneten sich auch als Tests, um Fähigkeiten zu erfassen. Mit der Datenbasis scheint es in der Tat noch nicht weit her zu sein. Die Bundesagentur für Arbeit in Nordhorn und Osnabrück kennt zwar die Anzahl und die Herkunftsländer der ihren Bereichen zugewiesenen Flüchtlinge, aber: „Eine Einschätzung, wie viele der Flüchtlinge potenziell für eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen ist sehr hypothetisch“, sagt Christian Giesen von der Arbeitsagentur Nordhorn. Ein Teil verlasse die Region nach ihrer Anerkennung, und ein Drittel dürfte noch schulpflichtig sein „und dem Arbeitsmarkt erst zu einem späteren Zeitpunkt zur Verfügung stehen“. Bei Flüchtlingen mit Asylstatus, die sich melden, versuchen die Arbeitsagenturen zwar, Kompetenzprofile zu erstellen. Doch oft fehlen den Geflohenen Zeugnisse oder sonstige Nachweise. Behörden in den kriegszerrütteten Herkunftsländern, die in Friedenszeiten Auskunft geben konnten, sind meist nicht mehr erreichbar. Hunderttausende, die arbeiten wollen, dürfen sich zudem noch gar nicht bei den Arbeitsagenturen melden, weil die Bearbeitung ihrer Anträge noch viele Monate dauern wird. Wohl denen, die die Zeit zumindest mit dem Besuch von Sprachkursen nutzen können.

 

Quelle: Die Wirtschaft